Verdichtung ohne Dichtestress

Die Schweiz 2016 präsentiert sich als sehr anfälliger Organismus. Schon ein klitzekleines Ereignis genügt, um einen Verkehrskollaps, eine mittelgrosse Naturkatastrophe oder eine Eskalation sozialer Probleme auszulösen. Sind unsere Systeme an ihre Grenzen gestossen? Leben wir zu dicht aufeinander? Alle fordern verdichtetes Bauen, doch selber in solchen Häusern wohnen wollen die wenigsten. Warum? Das fragen wir uns auch oft. Denn wenn die Qualität stimmt, gibt es an der Wohnform der Zukunft wenig auszusetzen. Leider wird oft mit wenig Erfahrung geplant und gebaut. Statt kluge Verdichtung haben wir dann Dichtestress – nicht nur rechtsgerichtete Politiker verwenden diesen Begriff. Die Schweiz wächst weiter, so viel steht fest. Unklar ist nur, wann die ominöse 10-Millionen-Marke erreicht sein wird. Seit 1945 ist die Wohnfläche von Herrn und Frau Schweizer kontinuierlich angestiegen – eine wunderbares Wohlstandsphänomen. Auch für uns Architekten
bedeutete dies mehr Freiraum. Doch das Ganze hat eine Kehrseite: Man baute auch an Orten, die die Menschen seit Generationen gemieden hatten wie der Teufel das Weihwasser. Das überlieferte Wissen ignorierte man einfach – und wunderte sich dann, wenn Naturkatastrophen folgten. Deshalb
müssen wir heute an «guten Plätzen» dichter bauen. Auch in den Dörfern, die wieder kompakter werden und soziale Orientierung sowie Identität bieten sollen. Wir dürfen nicht mehr jede Lücke in der Landschaft mit einem «Blöckli» füllen, das eine Erbengemeinschaft glücklich macht. Das heimatliche Idyll will wieder gepflegt werden – wenn auch nicht unbedingt als Ballenberg-Romantik. Urbanes Bauen unter Berücksichtigung der ländlichen Gegebenheiten erfordert viel Erfahrung, auch im Umgang mit Behörden, Heimatschutzorganisationen und den Menschen, die sich in ihrer Umgebung nicht von Dichte
gestresst, sondern pudelwohl fühlen wollen.


Blogbeitrag vom 26. Oktober 2016; Titus Ladner und Stephan Rausch