Wir brauchen Geschichte

Kaum ein Begriff wird auf Wikipedia so vielfältig definiert wie «Kultur». Auch «Baukultur» gibt enorm viel her – ganz im Gegensatz zu «Kulturbauten». Fehlt es am Interesse oder an Experten auf diesem Gebiet? Kulturbauten unterscheiden sich signifikant von «normalen» Bauten. Sie sind Träger von Geschichte. Sie bewahren Erinnerungen an vergangene Epochen.

Ist das wirklich so wichtig? Und ob! Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft gestalten. Es braucht Zeit und Geduld sowie viel Fingerspitzengefühl, die Geschichte von Kulturbauten zu reflektieren, bis die historische Substanz mit den Spuren ihres Gebrauchs vom menschlichen Wirken früherer Zeiten erzählt. Der von uns restaurierte bischöfliche Festsaal des Klosters St. Gallen – ein UNESCO-Weltkulturerbe – hat Jahrhunderte und einige Sanierungen überdauert. Bauten wie diese sind Zeugen des Handwerks und des Gestaltungswillens, der Freuden, Sorgen und Nöte unserer Vorfahren. Bei Neugestaltungen ist deshalb die Wahrung der Authentizität oberste Prämisse. Es gilt, Eingriffe in die historisch wertvolle Substanz zu vermeiden, Reparaturen in den ursprünglichen Materialien und Techniken auszuführen sowie Ergänzungen ablesbar und reversibel zu gestalten. Die Stakeholder müssen von allem Anfang an sensibilisiert werden – eine aufwändige, aber unverzichtbare Massnahme zum Schutz des kulturellen Erbes. Bei irreparablen Bauten oder Elementen ist es wichtig, Neu und Alt so zusammenzubringen, dass sie als historisch gewachsene Strukturen miteinander weiter Geschichte schreiben. Dies setzt hohe architektonische Kunst voraus.

Tragen wir der Geschichte Sorge. In jeder Hinsicht und möglichst verlustfrei angesichts der heterogenen Vielfalt der heutigen Anspruchsgruppen.


Blogbeitrag vom 12. Dezember 2016; Titus Ladner und Stephan Rausch